Reißt die Mauern nieder!
2.12.2011, Vor dem Wiener Stephansdom machten heute Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen auf Hindernisse in ihrem Leben aufmerksam
"Gleichstellung für Menschen mit Lernschwierigkeiten“ fordern die Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter der Organisationen Caritas, Diakonie, Lebenshilfe, Jugend am Werk und Vienna People First bei ihrer gemeinsamen Aktion am Vortag des "Internationalen Tags der Menschen mit Behinderungen". Sie haben am Wiener Graben eine Mauer mit Kartons aufgebaut.Auf jedem der Kartons stand eine Barrieren ihres Alltags niedergeschrieben. Sozialminister Rudolf Hundstorfer sowie Vertreter und Vertreterinnen der Behindertenpolitik kamen vorbei und half beim symbolischen Beseitigen der Barrieren. Hinter der Aktion steht die „ExpertInnengruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen für die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (ÖAR)“.
Mit dieser Aktion soll auf die Rechte von Menschen mit Lernschwierigkeiten und Behinderungen hingewiesen werden. Auf Basis der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung haben Bund und Länder seit 2008 die Verpflichtung, sämtliche Gesetze anzupassen und Barrieren zu beseitigen.
Konkrete Forderungen der Initiatoren betreffen etwa uneingeschränkten Zugang bei Bildung, zu medizinischer Versorgung, den Ausbau der Barrierefreiheit in Gebäuden und im öffentlichen Raum, ein Anrecht auf Gehalt und Pension für Menschen mit Lernschwierigkeiten, die in Werkstätten und Tagesstrukturen arbeiten, den Ausbau von Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie Informationen in leichter Sprache, damit Texte verständlicher werden.
630.000 Personen haben in Österreich EU-Schätzungen zufolge eine starke Beeinträchtigung: Rund 0,4 bis 0,6 Prozent der Bevölkerung haben nach der EU-weiteren Studie „Pomona“ eine Lernbehinderung oder intellektuelle Beeinträchtigung.
Heide Tomacek ist Selbstvertreterin bei der Lebenshilfe Österreich. Sie erzählt über die Barrieren in ihrem Leben:
"Ich habe die Sonderschule absolviert. Danach habe ich ein Jahr die Polytechnische Schule besucht. Die hat mir aber nichts gebracht. Mein weiterer Berufsweg führte mich zu Jugend am Werk und danach zur Lebenshilfe, wo ich jeweils in Werkstätten gearbeitet habe. Das ist besser bekannt als Beschäftigungstherapie. Entlohnung gibt es für diese Arbeit nicht, sondern nur ein Taschengeld.
Kontakt zu Gleichaltrigen ohne Behinderung hatte ich in der Schule überhaupt nicht. Ich konnte daher auch keinen Freunde und Freundinnen, die nicht behindert sind, finden.
Daher finde ich es wichtig, dass alle eine inklusive Schule besuchen können. In dieser Schule lernen alle voneinander und nebenbei werden auch soziale Kompetenzen erlernt. Davon profitieren nicht nur Schüler und Schülerinnen mit Behinderungen sondern auch jene, die keine Behinderungen haben und Lehrer und Lehrerinnen.
Der Besuch einer Sonderschule geht in den meisten Fällen mit einer Sonderkarriere in einer Tagesstruktur, wie der Beschäftigungstherapie, einher. Dies zeigt auch mein persönlicher Werdegang.
Das muss aber nicht so sein. Erfahrungen in Schulprojekten in Deutschland aber auch in Österreich im 15. Bezirk in der Lerngemeinschaft zeigen, dass es auch anders geht. Auch Menschen mit Lernschwierigkeiten können lernen, wenn sie die entsprechende Unterstützung erhalten. Dabei muss Bildung bei niemanden zu kurz kommen.
Menschen mit Lernschwierigkeiten wie ich arbeiten viele Jahre lang in Werkstätten. Aber sie bekommen keine Pension. Das ist nicht gerecht. Sie bekommen nur Unterstützung in Form von Geld ausbezahlt. Diese Unterstützung wird aber nicht direkt an sie ausbezahlt, sondern an die Einrichtungen der Behindertenhilfe. Das erzeugt eine Abhängigkeit von diesen Einrichtungen."
Zur Fotogalerie: Reißt die Mauern nieder! Am Vortag des "Internationalen Tags der Menschen mit Behinderungen".
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