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Trend zur Entgrenzung

Die Lebenshilfe Österreich im Gespräch mit Ulrich Niehoff, Experte für Inklusion bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe Deutschland.

Lebenshilfe: Herr Niehoff, behinderte Menschen sollen ohne Barrieren am Leben teilnehmen. Viele Menschen ohne Behinderung kämpfen mit massiven Barrieren in ihrem Leben - finanziell, in der Schule, beim Studium, in der Arbeit. Warum sollen gerade behinderte Menschen den Weg frei von Blockaden bekommen?

Ulrich Niehoff: Barrierefreiheit scheint mir im Zusammenleben mit Menschen mit geistiger Behinderung ein vergleichsweise neues Thema zu sein. Für körper- und sinnesbehinderte Menschen ist das Thema Barrierefreiheit ein „alter Hut“, aber für Menschen mit Lernschwierigkeiten hat die Lebenshilfe doch aus meiner Sicht relativ wenige differenzierte Antworten. Weil behinderte Menschen in der Vergangenheit häufig in „Schutzräumen“ gelebt haben, war eine barrierefreie Gesellschaft auch kein so drängendes Thema. Zudem waren immer professionelle Betreuer da, die Barrieren ausgeglichen haben. Wenn wir aber ein normales Leben für alle wollen, müssen wir auch fragen, was denn die Barrieren für Menschen mit Lernschwierigkeiten sind. Hier gilt es noch viel zu entwickeln. Ich sehe trotz aller gesellschaftlicher Be-schränkungen, die es ja ohne Zweifel gibt, einen gesellschaftlichen Megatrend der Entgrenzung. Soziologen sprechen von der Multioptionsgesellschaft. Wenn Bürger in westlichen Staaten heute vermehrt Wahlmöglichkeiten bezüglich ihres Lebensstils haben, dann müssen diese auch Menschen mit Behinderung offen stehen. Zugegebenermaßen sehe ich das Glas allerdings als optimistischer Mensch eher halb voll als halb leer.

Hat es einen Sinn, Inklusion zu fordern, wenn wir mit Integration gescheitert sind?

Ulrich Niehoff: Verkürzt gesagt: Integration geht von der Besonderung aus und bemüht sich um Begegnung mit nicht behinderten Menschen. Integrieren muss man Menschen, die wirklich von außen kommen, wie z. B. Menschen mit Migrationshintergrund. Sie müssen in die Gesellschaft „hineingeleitet“ werden. Menschen mit Behinderung müssen aber gar nicht unbedingt außen stehen. Inklusion will Ausgrenzung und Besonderung von vorneherein verhindern. Wenn man dies will, sind die Bezugspunkte gesellschaftliche Regelstrukturen. Die kanadische Schwesternorganisation der Lebenshilfe heißt „Canadian Association for Community Living“. Sie hat also weniger direkt Menschen mit Behinderung und Institutionen im Blick. Sie sieht es als ihre Aufgabe, Lebensräume in der Gemeinde zu schaffen. Das ist ein inklusiver Ansatz. Und diese Sichtweise führt folgerichtig zu einer anderen Praxis.

Inklusion verlangt, dass Vielfalt gelebt wird. In Österreich genauso wie in Deutschland stehen viele Menschen dem bunten Mix in der Gesellschaft sehr negativ gegenüber. Was können wir diesem Trend entgegensetzen?

Ulrich Niehoff: Ich beobachte beispielhaft in zwei Bereichen vermehrt eine Bereitschaft, Heterogenität positiv zu sehen: Immer mehr Städte in Deutschland entwickeln ein städtisches Leitbild der „Sozialen Stadt“ oder der „Stadt der Vielfalt“. Die Behindertenhilfe muss sich in diese Diskussion der Stadtentwicklung einbringen. In Deutschland haben 500 Firmen und große Konzerne die „Charta der Vielfalt“ unterschrieben. Sie bewerten Heterogenität positiv. So bemüht sich z. B. „IKEA“ bewusst um eine heterogene Belegschaft, um heterogene Kundschaft besser ansprechen zu können. Diese auch ökonomisch begründete Innovation sollte die Behindertenhilfe aufgreifen und die Qualitäten behinderter Menschen offensiv einbringen.

Wie geht eine inklusive Gesellschaft mit Rechtsextremismus und Radikalität um?

Ulrich Niehoff: Aus meiner Sicht ist Inklusion eine attraktive Vision, die heute kaum irgendwo vollständig realisiert ist. Es ist fast müßig, sich zu fragen, ob sie jemals zu 100 % realisiert sein wird. Es ist aber eine lukrative Vision, für die zu kämpfen sich lohnt. Sollte eine Gesellschaft das adjektiv „inklusiv“ jemals vollständig verdienen, gäbe es dort keinen Rechtsextremismus.

Woran merken wir, dass wir in einer inklusiven Gesellschaft leben?

Ulrich Niehoff: Bei einer Klausur zur Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen mit dem „Rat behinderter Menschen“ in der Lebenshilfe in Deutschland sagte die Teilnehmerin Ramona G.: „Wie blöd, dass man immer alles aufschreiben muss in Verträgen, oder so was wie die UN-Konvention. Das sollte selbstverständlich sein!“ Darauf antwortete das andere Ratsmitglied Joachim B.: „Wenn es selbstverständlich wäre, dann hätten wir Inklusion!“

Danke für das offene Gespräch.

Ulrich Niehoff

Ulrich Niehoff leitet das Referat Konzepte der Bundesvereinigung Lebenshilfe in Deutschland. Seine Spezialgebiete umfassen Selbstbestimmung, Inklusion, Gemeinwesenarbeit. Er ist Ansprechpartner für den Ausschuss Kindheit und Jugend, für den Rat behinderter Menschen und den Beirat Arbeit und Wohnen.


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